Wir waren aus Gold.

Von Lea gepostet am 23. August 2011 um 19:59 in Leben
Wir waren aus Gold.
Foto: sandstep

Ich rief dich einmal an. Ich rief dich zweimal an. Ich rief dich dreimal an. Ich rief dich viermal an. Ich rief dich fünfmal an. Ich rief dich sechsmal an. Ich rief dich siebenmal an. Ich rief dich achtmal an. Ich rief dich neunmal an. Ich rief dich zehnmal an. Ich rief dich elfmal an. Beim zwölften mal legte ich nach dem ersten Klingeln auf und hatte es begriffen. Es war vorbei. Du und ich, das hatte nie angefangen, aber es war jetzt vorbei.

Wir waren 17, du warst viel älter und grenzenlos. Du warst riesig und erwachsen, ich wollte so sein wie du und alle anderen auch. Einen Sommer lang gabst du uns alles, was wir hatten. Irgendwie hast du alles freigesetzt, was in uns schlief. Träume, Phantasien, Glück. Aggression, Kriminalität, Selbstzerstörung, Hass. Du warst intensiv und der Sommer wurde zu einer Lomofotografie in unseren Köpfen. Alles war bunt, schrill, besonders.

Wir bekifften uns mithilfe selbstgebauter Bongs aus Fantaflaschen und Trompetenköpfen, aus Eimern, aus Teekannen. Wir tranken irgendwas, was du im Wald gesammelt hattest und die Lomobilder produzierte. Wir starben tausend Tode. Wir lagen zu dritt im Bett und hörten Cypress Hill, während wir weinten, uns küssten und dann wieder weinten. Du fragtest, wie man “Gurke” schreibt, ich buchstabierte es dir, Tini lachte dabei und du verschriebst dich. In meinem Nachttisch liegt immer noch ein Zettel mit der Aufschrift “Du Gurge!”.

Wir gingen nacktschwimmen, fuhren zu Seen, sprangen irgendwo betrunken von Klippen. Irgendwie schien nur die Sonne. Wenn ich heute gelbe Sonnenbrillen trage, sehe ich wieder wie früher. Ich trage nur gelbe Sonnenbrillen. Liebe ist nicht rosarot, sie ist sonnengelb und wir waren aus Gold.

“Ich glaube, ich bin voll verknallt!” Tini gestand mir das irgendwo in der Nacht zwischen dem Zaun, über den wir ins Freibad einbrachen und der Flasche Erdbeersekt aus dem ALDI für 2,49 €. Ich kicherte nur und wusste nicht, dass ihr das wirklich wichtig war. Es erschien mir so lächerlich. Damals hatte ich noch nicht gelernt, dass Menschen immer in Halbwahrheiten sprechen. “Der ist ein Freak!”, lachte ich dir nur ins Gesicht. Er war verrückt. Und wir waren es auch.

Es war kalt im Wasser, ich bekam Gänsehaut und die Wellen zogen vom Wasser in die Luft und machten mich ganz schwindelig. Ihr wart allein im Wasser, ich war allein auf den warmen Steinen und sah zu, wie die Wellen die Sterne berührten, während ihr im Wasser immer näher zueinander schwammt. Als Mund auf Mund traf, lachte ich am lautesten und sprang mit einer Arschbombe zu euch. Wellen, Wellen, immer mehr Wellen, die ich machte. Ich lachte euch an, du küsstest mich. Wer von euch beiden es zuerst war, weiß ich nicht. Wir küssten uns und bei jedem Kuss wurde ich freier. Das Wasser verlor seinen Chlorgeschmack. Es schmeckte nach Salz und euer Schweiß weckte das Meer in mir. Wir trieben auf dem Wasser. Alles machte Spaß, es war nur Spaß. Der Sekt war das Meer in mir, er wog mich hin und her, während ihr mich küsstet. Mein Bauch war voller Lachen und süßem Erdbeersekt, mein Mund war voller Zungen.

Als die Taschenlampen uns suchten, waren wir schon längst mehr als nur nackt gewesen und liefen mit unseren Klamotten in der Hand über die Wiesen, zogen uns im Wald beim Laufen an und rannten und rannten. Es brannte in der Lunge, jemand hatte mich in die Lippe gebissen, ich blutete, die Beine schmerzten, aber er rannte schneller, wir wollten mit. Du schautest nicht nach hinten, außer einmal, als sich unsere Blicke trafen. Du ranntest schneller, wolltest gejagt werden, Tini rief nach dir. Mir war das zu blöd. Ich blieb stehen. Ich gab blutige Abschiedsküsse, die nach Eisen schmeckten, nicht nach dem Gold, das ich in uns sah.

Die Küsse waren beschmiert mit meinem Herzen, aber ich war nicht verknallt. Ihr wart es. Als du mich den nächsten Mittag anriefst, lag die letzte Nacht über uns wie geträumt. Ich wollte den Traum behalten, aber du wolltest mich. Mein Lachen zeigte, wie überfordert ich war. Ich kicherte und nahm dich nicht ernst. Du warst verrückt, du warst Spaß, du warst verknallt. Du wolltest nur mich. Ich sah nur die letzte Nacht und wusste nicht, dass die letzte Nacht nur der Höhepunkt deines Sommers gewesen war. Du gestandest mir alles. Es waren unglaublich viele Situationen an die du dich erinnern konntest, Dinge, die ich sagte, wann ich dich berührte, wie ich roch, es war schön.

Eine Nacht, dachte ich, wir waren doch drei. Du legtest auf.

Ich rief dich einmal an. Ich rief dich zweimal an. Ich rief dich dreimal an. Ich rief dich viermal an. Ich rief dich fünfmal an. Ich rief dich sechsmal an. Ich rief dich siebenmal an. Ich rief dich achtmal an. Ich rief dich neunmal an. Ich rief dich zehnmal an. Ich rief dich elfmal an. Beim zwölften mal legte ich nach dem ersten Klingeln auf und hatte es begriffen. Es war vorbei. Du und ich, das hatte nie angefangen, aber es war jetzt vorbei.

Mein Sommer war vorbei. Es war Anfang August, aber der Sommer war schon vorbei. Und als ich nach dem ersten Klingeln auflegte hatte ich auch verstanden, dass ich nie wieder so einen Sommer haben würde. Ich bin damals frei gewesen.

Manchmal sehe ich dich und beobachte dich von weitem. In der Zwischenzeit hat man dich oft mit Tini gesehen und ich frage mich, ob du ihr jemals von uns erzählt hast. Von dem Telefonat, das mir dein Herz zu Füßen legte und mein Leben wieder so machte, wie es immer gewesen war. Ihr seid jetzt zusammengezogen, seid jetzt erwachsen. Manchmal vermisse ich dich so unglaublich. Vermisse ich dich, den Sommer oder nur wie ich damals war? Was vermisse ich?

Ich wusste nicht, dass blutige Küsse die Weichen stellen. Aber ich ahnte, dass meine Jugend vorbei war, als ich nach dem ersten Klingeln resignierte.

15 Kommentare

Super schön geschrieben Lea! Wie mit nem Presslufthammer drückst du das gefühl aus, aber in perfekter form wie ein lied oder sonnett :):)
i wonder if there’s a love affair that lasts forever….

marian schrieb am 23.08.2011 um 20:09Reply to this comment

gut!

yann schrieb am 23.08.2011 um 20:12Reply to this comment

Sehr schön!

Thomas schrieb am 23.08.2011 um 20:24Reply to this comment

lange artikel schrecken ja oft ab, aber ich bin froh den gelesen zu haben!

Simon schrieb am 23.08.2011 um 22:58Reply to this comment

Wie die meisten anderen Artikel von dir auch hier wieder einfach grandios geschrieben!

Pablo schrieb am 24.08.2011 um 08:15Reply to this comment

Danke. Verliebte mich ein wenig in den Text. (:

OddNina schrieb am 24.08.2011 um 10:17Reply to this comment

wirklich schöner text!!
“du und ich, das hatte nie angefangen, aber es war jetzt vorbei” Gänsehaut ♥

Marie schrieb am 24.08.2011 um 15:50Reply to this comment

Danke. Ihr seid total nett! <3

Lea schrieb am 26.08.2011 um 15:36Reply to this comment

Wow. Einfach nur wow.

Nik schrieb am 27.08.2011 um 16:06Reply to this comment

wahnsinn, richtig gut!

tilia schrieb am 27.08.2011 um 23:42Reply to this comment

[...] Ich möchte euch dieses Mal einen echt wunderschönen Blogeintrag zeigen: Wir waren aus Gold. Einfach nur toll geschrieben und herzzerreißend! Wenn ihr Zeit habt. lest ihn euch mal durch! [...]

Pixi News #35 schrieb am 29.08.2011 um 00:08Reply to this comment

Bin grad zufällig auf den Artikel über Facebook gestoßen und lese sowas normal gar nicht. Bin aber voll begeistert. Vor allem der Satz “Liebe ist nicht rosarot, sie ist sonnengelb und wir waren aus Gold.” hat es mir angetan. Den werd ich mir wohl noch lange merken. Danke für den schönen Text!

Ivy schrieb am 8.09.2011 um 18:45Reply to this comment

DER ABSOLUTE WAHNSINN! Du schreibst, da geht einem das Herz auf!! :) LG

Diana schrieb am 21.10.2011 um 11:10Reply to this comment

das ist einfach wunderschön

Juliska schrieb am 3.12.2011 um 04:22Reply to this comment

<3

Lea schrieb am 6.12.2011 um 14:57Reply to this comment

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