Watte und Wein

Von Lea gepostet am 14. Oktober 2011 um 12:45 in Leben
Watte und Wein
Foto: belgianchocolate

Da ist nichts. Ein weißes Blatt Papier, ein Stift, aber die Worte kommen nicht. Bloß kein leeres Blatt akzeptieren, schreibe ich, und streiche es durch.




















Da sind keine Emotionen, nur Alltagsaphorismen, mit Spucke an beschlagene Busfenster geschrieben. “Der Sinn des Lebens ist leben” und die Luft ist zu schwer zum atmen. Trotzdem ist da dieser Schnupfen, dieses Kratzen im Hals; wo ist meine Stimme geblieben? Da war mal mehr als dieses Flackern von Dunkelgrauschwarz in mir. Niemand in mir. Eintausend Fremde mit mir auf hundert Quadratmetern und niemand in mir. Niemand da.

Der Wein fließt in uns hinein, vermischt sich mit unserem Blut, macht es röter als es sein darf, steigt uns zu Kopf, macht alles rosarot, dunkelrubinschwarz und später tränenklar. Du erzählst mir von Einsamkeit und den Dingen dahinter, du sagst, dass Sehnsucht alles ist, was du hast. Du willst Liebe, du kannst nicht mehr allein sein und Nächte sind immer nur dunkel. Du willst jemanden kennenlernen, das Leben teilen, was erleben. Mit jedem Heulen eine neue Story.

“Mir geht’s so gut, ich bin leer.” Du lachst und erzählst mir, wie voll ich bin. Merkst du denn nicht, dass da nichts mehr ist außer dem Wein? Siehst du nicht, dass da nur noch Suff in mir ist? Suff und Lachen, so laut. So, so, so unendlich laut. Immer wieder diese Snapshots von ihm dazwischen. Achterbahnfahren ohne Gefühl. Mentos in Cola und nichts passiert. H2O2 ohne Knall. Jahre vergehen und alles bleibt gleich. Jahrzehnte vergehen und ich bin immer noch die Alte. Nicht schlafen können vor Aufregung, doch im Blut sind keine Endorphine. Angst haben vorm Verpassen, wach bleiben und dann zu lange schlafen. Tanzen ohne den Beat zu spüren, aber das Licht flackern sehen. Sprechen ohne was zu sagen. Nicht zuhören, alles aufnehmen, aber trotzdem nicht bei dir sein. Da sind keine Tränen in meinen Schluchzern und auch das ganze Lachen klingt falsch. Da ist nur Himmel in mir, nur Träume, kein Leben ist da. Wie lang, wie hart, muss ich noch fallen, bis es schmerzt? Wie oft muss ich mich noch schneiden bis ich das spüre? Und wenn Blut von Herzen kommt, wieso führt Verbluten dann zum Tod?

Ich sammel alles Rot ein mit Wattebüscheln, die ich auf Böden finde. Sie sind schmutzig, lagen schon lange hier, nehmen kein Herzblut mit, machen alles nass.

Du sprichst von neuen Orten und Tapeten wechseln sich, aber es wird dir nichts nützen, nein. Ich habe es versucht. Der neue Anstrich ändert nicht den Putz und der Ort wird dich nicht ändern, der Ort bist du.

Unsere Handabdrücke auf beschlagenen Busfenstern. Spuren im Regen, unsere Zeit verläuft wie in Sand. Nein, da bleibt nichts mehr. Wir sind gleich schon weg. Orte lassen das Ichwarhier nicht zu und werden überrannt. Orte überrennen uns, nicht die Menschen. Sie schubsen nur und das tut nicht weh. Fetzen von uns irgendwo dort im Regen, beim weißen Atem der Wälder und wir atmen nass ein. Der Wald war schon immer da, aber ich bin kein Ort, bin schon wieder weg. Wind in den Haaren, alles weht, ich bleib auf der Straße stehen, seh dich vorbeiziehen.

Wattepads fallen aus deiner Tasche, ich sammel sie auf und stopf sie mir ins Herz. Da ist kein Blut an ihnen, nur der Wein und diese Watte. Immer nur Watte und weiß.

5 Kommentare

Ich würde mein Gefühl beim Lesen gerne in ein einziges Wort fassen, aber ich scheitere. Drum werf’ ich dir drei hin, in der Hoffnung, du suchst dir eins aus: Wahr, traurig, wunderbar.

Vielleicht gibt es auch kein passendes Wort.

Nik schrieb am 3.11.2011 um 21:05Reply to this comment

mein senf zum thema papier :-)

http://www.ontai.de/archives/573

jens hohmann schrieb am 23.11.2011 um 13:46Reply to this comment

Ähm, irgendwie hab ich das schon einmal geschrieben, aber es steht nicht da. Deswegen: Danke, Nik! <3

Lea schrieb am 27.11.2011 um 22:36Reply to this comment

gefällt mir:)

abc schrieb am 5.12.2011 um 17:33Reply to this comment

<3

Lea schrieb am 6.12.2011 um 14:57Reply to this comment

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