Nichts auf dem Herzen

Von Gast Verena gepostet am 25. September 2010 um 13:41 in Gastbeiträge· Leben
Nichts auf dem Herzen
Foto: Verena

Ich bin Vegetarierin, esse also aus ethischen und ökologischen Gründen kein Fleisch.

Ich frage mich, wieso ich kein Mädchen kenne, welches sich nennenswert davon gestört fühlt, dass es später schlechtere Berufsbedingungen haben wird als ein Mann und wie es passieren konnte, dass das in den Zeitschriften abgebildete Idealbild einer Frau einem It-Girl auf Diät entspricht. Ich bin ungläubig und kritisiere die starke Religiosität in den Vereinigten Staaten.

Das macht mich aber noch lange nicht zu einer verbitterten Tierschützerin, einer frustrierten Emanze oder einer radikalen Atheistin.

Vermutlich kann einem jeder, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert, bestätigen, dass es nicht an allererster Stelle die Rechtsextremen sind, die das Engagement oft so ernüchternd machen. Es ist die Gleichgültigkeit, die sich einem wie ein dicker, schwerer Klotz in den Weg stellt, wenn man versucht, seine Gedanken und Ideen mit anderen zu teilen. Und die Tatsache, dass es chic geworden zu sein scheint, damit zu kokettieren und es lautstark zu demonstrieren, dass man absolut keinen Plan vom Thema hat.

Niemanden scheint es zu stören, dass diejenigen, die dein Interesse ins Lächerliche ziehen, das auf eine unfassbar unlustige Art und Weise tun. Macht es mich zu einer humorlosen Fundamentalistin, wenn ich darüber nicht lachen kann? Ich denke nicht. Dass die Mehrheit der Leute über Mario Barth nicht lachen kann, liegt schließlich auch nicht daran, dass die Mehrheit der Leute radikale Feministen sind, sondern dass dieser Mann schlicht und einfach nicht lustig ist.

Nein, es lebt sich wirklich nicht leicht, wenn man sich für eine Sache wahnsinnig interessiert. Und je provinzieller die Umgebung wird, desto deutlicher wird das. Wenn jemand wissen will, wieso ich Vegetarierin bin, dann frage ich mich zwar, wie es sein kann, dass diese Person von Themen wie Massentierhaltung oder die daraus resultierende enorme Umweltbelastung nichts mitbekommen konnte, aber ich bin gerne bereit, ihr meinen Standpunkt zu erläutern. Lieber spät als gar nicht. Wenn diese Person anschließend nicht meiner Meinung ist, dann bin ich ehrlich gesagt sogar ziemlich froh, dass jemand bereit ist, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen; möglicherweise ist in meiner Argumentation sogar ein gewaltiger Fehler, aber es ist auch nicht der Gegenwind, der mich aufregt. Denn wenn mir diese Person nach jedem meiner Argumente „total Recht“ gibt und ich bekomme dann später mit, dass selbige Person an einer Demonstration gegen Pelz nicht teilnehmen möchte, und zwar aus  dem Grund „Kein Bock“, dann habe ich das Gefühl, ich wäre vollkommen gegen eine Wand gefahren. Wie kann es sein, dass der Grund „Kein Bock“ ist und nicht einmal „Meiner Meinung nach ist es besser, den Pelz zu verwerten, als ihn wegzuschmeißen“?

Ich wünschte mir, mir würde hin und wieder jemand auf die Füße treten oder sich zu weit aus dem Fenster lehnen, hauptsache irgendeine Reaktion, die mir zeigt, dass sich in seinem Kopf mehr als nur bemerkenswerte Weiten der Leere befinden. Dass hin und wieder auch nur ein kleines bisschen Leidenschaft in deinen Augen aufblitzt, wenn du über etwas sprichst, und dich nicht alles total kalt lässt. Das wäre eigentlich auch schon alles.

12 Kommentare

Ich möchte am liebsten tausend mal “gefällt mir” drücken!
Mir geht es oft genau so, es gibt einfach viel zu vielen Jugendliche, junge Erwachsene die einfach gar keine eigene Meinung haben, denen ist egal ob ihre Kleidung aus Bangladesch kommt oder das Steak aus der Massentierhaltung stammt. Es geht ja nicht um eine direkte politische Haltung und das Wissen aller Hintergründe, aber wenigstens eine Meinung zum Thema sollte man schon haben.

Es denken viele auch nicht mehr über ihre eigenen Worte nach, man soll ja nicht alles auf die Goldwaage legen…

Paulchen schrieb am 25.09.2010 um 14:12Reply to this comment

Nur in England ist Fleisch günstiger, als in Deutschland. Geiz ist Geil und keiner will für irgendetwas bezahlen. Hier ist das Problem. Gier und Neid, Luxus und Dinge die keiner braucht. Gewinnspannen für Modeprodukte die mir Angst machen. So geht es fast jedem, der hinterfragt und nur wenige von ihnen versuchen wirklich eine Veränderung herbeizuführen. Es ist die Ernüchterung, doch nichts zu bewirken. Zur Motivation braucht es ein Ziel und ein sichtbares Ergebnis. Trennt man sich von dieser Vorstellung und versucht für sich selbst in jeder Entscheidung das logischste und ethisch beste zu bedenken, sehen wir vielleicht keinen Fortschritt, aber verändern etwas. Ein Bündnis und eine Vereinigung zielen oftmals auf eine sichtbare Veränderung ab. Sie brauchen Ziel und Ergebnis, um die eigene Existenz zu rechtfertigen. Statt so gegen einen mächtigeren Gegener anzukämpfen, kann man langfristig mit den eigenen Entscheidungen eine wirkliche Veränderung bewirken und die eigenen Werte an die nächste Generation weitergeben. Am Ende bleibt der beruhigende Gedanke, dass der eigene Wille zu überleben hoffentlich stark genug ist, rechtzeitig eine Wendung in der Gesellschaft zu bewirken.

André schrieb am 25.09.2010 um 14:25Reply to this comment

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Nichts auf dem Herzen « thezenthang schrieb am 25.09.2010 um 16:07Reply to this comment

Ich finde mich da sofort wieder!
Aber für mich geht das Problem noch viel weiter.
Ich bin durch meinen Vater zu offenen Ohren erzogen worden. Ich bilde mir ein, tolerant und offen für gute Argumente zu sein. Doch da fühle ich mich in meinem Umfeld ziemlich alleine, wenn ich so manchmal folgendes höre, wenn es um Neue Musik o.Ä. geht: “das soll Musik sein”, “das kann ich doch auch”, “ich find’s scheiße” – “und warum?” – “keine Ahnung, das ist so komisch”.
Die große Mehrheit ist nur dem gegenüber tolerant, das man ihnen als etwas, das toleriert werden muss, präsentiert hat. Diese Leute schwimmen im Salzwasser. Lassen sich treiben, genießen die Sonne, bewegen sich in die Richtung, in die die Strömung sie führt!
Und dann ist es auch kein Wunder, dass man, wenn man seine Entscheidungsgrundlage zum Vegetarismus dargelegt hat, Zustimmung erntet, dann aber ein “Wenn ICH esse, müssen vorher Tiiiere gestorben sein!” und hohles Gelächter ins Gesicht gespuckt bekommt.
Ich frage mich, was zu dieser grässlichen Ignoranz, Intoleranz und Gleichgültigkeit führt!

PS: Ray Bradbury’s “Fahrenheit 451″ ist zu dem Thema eine sehr zu empfehlende Lektüre (machen wir gerade in Englisch :P).

leo schrieb am 25.09.2010 um 16:52Reply to this comment

“Mir geht es oft genau so, es gibt einfach viel zu vielen Jugendliche, junge Erwachsene die einfach gar keine eigene Meinung haben, denen ist egal ob ihre Kleidung aus Bangladesch kommt oder das Steak aus der Massentierhaltung stammt.”

Das geht uns doch fast allen so. Und der Grund ist das es schlichtweg “garnichts” bringt sich irgendwo zu beteiligen. Demo ist doch absolute Zeitverschwendung. Die Zustände werden ja trotzdem schlimmer oder es gibt irgendwelche Scheinkompromisse. Deutschland ist im Krieg mit Afghanistan, H-IV, Zensur, …, Skandale ohne Ende, aber wayne…
Da kann man dann nur hoffen das irgendwo ein Laborunfall passiert und alle sterben. Dann ist zumindest mal Ruhe auf dem Planeten.

Mikadozapler schrieb am 25.09.2010 um 21:18Reply to this comment

Sehr guter Text, sehr wahr. Ich finde auch, wenn es nichts bringt, kann man zumindest versuchen so zu leben, dass man bewusst Dinge wahrnimmt und versucht für sich zu entscheiden, ob man dies mitmacht oder nicht. Das fängt beim Vegetarismus an und geht dann weiter über soziales Engagement. Und ich finde in diesem Bereich sind einem schon viele Möglichkeiten gegeben auch Dinge zu verändern. Es hilft z.B. schon, wenn man bewusst Bioprodukte kauft und somit Biobauern unterstützt. Oder wenn man Kleidung kauft, die fair gehandelt wurde. Oder wenn man den Opa im Altenheim die Zeitung vorliest. Da gibt es ja wirklich viele Möglichkeiten. Sie erfordern nur Anstrengung, die leider viele nicht aufbringen möchten. Ist schade, aber ich kann es auch teilweise verstehen. Leider.

Lea schrieb am 26.09.2010 um 12:44Reply to this comment

@ Mikadozapler

Sehe ich ähnlich, aber nicht ganz so pessimistisch. Wenn man tatsächlich heutzutage ethisch korrekt leben möchte, sollte man in eine Parallelgesellschaft ziehen, wie z.B. in ein Ökodorf. Sonst ist es ein Kampf gegen Windmühlen (auch wenn sich der Kampf lohnt).

Roman schrieb am 26.09.2010 um 17:51Reply to this comment
ji.lu. schrieb am 29.09.2010 um 20:31Reply to this comment

hm. also immer bevor man irgendjemandem ahnungslosigkeit/gleichgültigkeit vorwirft, sollte man sich sehr gut überlegen, wie durchdacht der eigne standpunkt ist. du bist vegetarierin? schön. dass massentierhaltung scheiße ist, das weiß sicherlich jeder. aber wenn du WIRKLICH ein persönliches zeichen dagegen setzen wollen würdest, dann dürftest du eben gar keine produkte mehr zu dir nehmen, die einer ebensolchen haltung entstammen. also auch keine kekse aus dem supermarkt und auch keinen kuchen im cafe und so weiter. dazu hast du wahrscheinlich keine lust und lässt es darum eben bleiben. ist das richtig? denn dann die menschen “anzuprangern” (man beachte die anführungszeichen), die es im prinzip genauso machen, mit dem kleinen unterschied, dass sie eben auch fleisch essen, das wäre irgendwie…undreflektiert.

eva schrieb am 3.10.2010 um 14:41Reply to this comment

@eva:

macht ncihts, das kann man heilen

http://www.ficko-magazin.de/gutmenschlichkeit/

hs schrieb am 6.10.2010 um 20:34Reply to this comment

Ich mag den Artikel! Tut gut etwas zu lesen das meinen Gedanken entspricht.

Sino schrieb am 24.10.2010 um 19:56Reply to this comment

BEQUEMLICHKEIT ist das wort, dass meiner ansicht nach die breite masse beschreibt. und auf missstände aufmerksam machen und wohlmöglich noch aktionismus fordern ist enorm unbequem.
das unverständnis, mit dem mir oftmals auf meine vegetarische lebensweise begegnet wird, kann ich einfach nur als solches deuten.

nini schrieb am 29.10.2010 um 22:24Reply to this comment

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