Irreversible: Gaspar Noes Skandalfilm in der Kritik

Von Gast Petesuk gepostet am 1. April 2010 um 16:15 in Film· Gastbeiträge· Review
Irreversible: Gaspar Noes Skandalfilm in der Kritik
Foto: Alamode

“Irreversible“

Ein passender Name für einen Film, dessen Bilder sich wahrscheinlich irreversibel in die Psyche des Zuschauers brennen werden. Es ist nicht mal 15 Minuten her, dass ich „Irreversible“ gesehen habe und trotzdem kann ich jetzt schon mit Sicherheit sagen, dass ich ihn nicht so schnell vergessen werde.

Der Film von Gaspar Noé ist einer dieser berüchtigten Skandalfilme, welcher die Kritiker spaltet und die interessierten Cineasten hellhörig macht. Ein Film, der auffällt, der aus der Reihe tanzt, der schockiert und erschüttert, wie er es 2002 bei seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen in Cannes getan und dafür gesorgt hat, dass die Besucher angeblich in Scharen angewidert den Kinosaal verlassen haben. „Gut“, denkt man sich, „solche Geschichten gibt’s auch über die Uraufführung vom „Exorzisten“ und da ist´s im Endeffekt auch nur ein bisschen grüner Schleim. Was soll schon Schlimmes kommen.“

Doch schon nach 10 Minuten wird einem klar, dass „Irreversible“ keine leichte Kost ist. Nach einer weiteren viertel Stunde werden die ersten dann wahrscheinlich auch schon verstört den Fernseher ausschalten und die DVD für immer aus dem DVD-Player verbannen. Also eine Warnung vorweg: Das Prädikat „Skandalfilm“ trägt der Film zu Recht und er ist absolut nichts für Leute mit schwachen Nerven und/oder schwachem Magen!

Die Thematik des Films wird schon im handlungsunabhängigen Prolog durch einen älteren Mann, der erzählt, dass er ins Gefängnis musste, weil er Sex mit seiner kleinen Tocher hatte, allem nachfolgenden vorangestellt und unterstellt: “Le temps détruit tout” – „Die Zeit zerstört alles“. Die Zeit heilt also doch nicht alle Wunden. Manche Dinge lassen sich von etwas so banalem, aber doch für viele so hoffnungsvollem wie der Zeit nicht wieder reparieren, sie sind nicht mehr rückgängig zu machen, egal, wie sehr man es sich wünscht. Ein Thema, welches mit seiner deprimierenden Grundhaltung die ersten „Happy-End-verwöhnten“ Zuschauer schon abschrecken wird..

Das eigentlich Schockierende an „Irreversible“ ist Zweierlei: Einerseits, wie konsequent und vor allem schonungslos dieser Gedanke dem Zuschauer vor Augen geführt wird und andererseits die sehr (!) brutalen Bilder, die man in diesem Zusammenhang „serviert“ bekommt.

Es seien an dieser Stelle zwei Szenen zu nennen, die besonders „unbekömmlich“ sind: In einer Szene wird der Kopf eines Mannes mit mehreren Schlägen durch einen Feuerlöscher stetig zu einer breiigen Masse geschlagen. Die Kamera bleibt auf dem Geschehen und schwenkt auch nach zwanzig Schlägen immer noch nicht weg.

Die zweite Szene zeigt eine Vergewaltigung, die vor allem durch ihre Authentizität und der absolut menschenverachtenden Art der Untat ansich den Beobachter fassungslos zurücklässt.

„Ganz ehrlich: Muss das sein?“ Eine grundsätzliche Disskussion, wie weit ein Film mit seinem „Gezeigten“ gehen darf oder vielleicht sogar gehen sollte würde hier den Rahmen sprengen und somit beschränke ich mich darauf, ob das im Fall von „Irreversible“ sein muss. Die Antwort heißt „Ja es muss sein“. Das Gezeigte steht in direktem Zusammenhang zur Thematik und unterstreicht diese. Die Gewalt wird hier nicht zelebriert und in einen Bikini gepackt, sodass die gewaltgeilen Saw 1-6 – Gucker sich daran einen runterholen können, sondern sie ist eingebunden in die Thematik und somit legitim.

Eine „vernüftige“ Zusammenfassung des Inhalts ist im Grunde nicht möglich ohne irgendetwas zu spoilern, da die Geschichte des Films rückwärts erzählt wird, eine Technik die dem ein oder andern vielleicht schon aus Christopher Nolans „Memento“ bekannt ist. In „Memento“ geschieht dies aus dem simplen Grund um den Zuschauer in die Lage des Protagonisten zu bringen, der durch ein traumatisches Erlebnis sein Kurzzeitgedächtnis verliert und nur durch Bilder, Notizen und sogar Tätowierungen es schafft sich zu „erinnern“.

In „Irreversible“ wird diese Erzählweise genutzt um eine logische Folge aus den Handlungen der Protagonisten auszusperren. Der Zuschauer sieht zuerst die Konsequenz / die Reaktion, was dazu führt, dass jeglicher Sinn und zugleich jegliche Moral aus den Taten verschwindet und jede ohnehin schon falsche Tat noch sinnloser, noch unmoralischer erscheint.

Fazit: „Irreversible“ ist ein Film, der dir nicht “irgendwie am Genital spielt“, sondern wohl eher einer, der kräftig in die Eier des (Mainstream-)Zuschauers tritt, und zwar mit Anlauf. Wer einmal eine filmische Grenzerfahrung machen möchte soll sich „Irreversible“ angucken und selbst entscheiden, ob der Film eine Daseinsberechtigung im DVD Regal bekommt. Wer jedoch denkt er könne sich „Irreversible“ an einem gemütlichen Filmeabend mit Freunden angucken wird schnell merken, dass es ungemütlich wird!


Hier der spanische Trailer:
YouTube Preview Image

Ein Kommentar

Den habe ich bestimmt seit 2 Jahren original verpackt im Regal stehen. Der Film ist bestimmt harte Kost und ich weiß schon warum die DVD bis heute noch keinen Player gesehen hat.

Christian schrieb am 2.04.2010 um 21:11Reply to this comment

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