Es war in der Brombeerzeit.

Von Lea gepostet am 31. August 2011 um 16:06 in Leben
Es war in der Brombeerzeit.
Foto: dev null

Sie schaut in ihre Teetasse, ‘heiße Liebe’, trinkt sie und die Teetasse ist ein Erbstück ihrer Großmutter, meiner Urgroßmutter. Irgendwann wird es meine Teetasse sein und mir Halt geben, wenn ich halbe Wahrheiten erzähle, weil ganze Geschichten schwieriger werden, je enger man sich steht.

“Geht’s dir gut?” “Ja, sehr gut.” “Das ist gut.” Wir sind ehrlich, aber das ist nicht genug. Es reicht gerade zum angenehmen schweigen.

Ich stecke meinen Mund voll Brombeeren, sie färben meine Hände blau. Der Geschmack erinnert mich an früher, als wir sie noch selbst sammelten, um Gelee daraus zu machen. Auch den Entsafter bekam sie von ihrer Großmutter. Ich frage mich, ob wohl alles in unserer Familie weitervererbt wird und was davon bei mir bleibt. Krankheiten? Entsafter? Brombeergelee?

Wann waren wir das letzte Mal im Wald, um Brombeeren zu sammeln? Vor fünfzehn Jahren? Ist es etwas kürzer her? Sie lehrte mich pflücken, nur die Guten. Sie lehrte mich dort im Wald zwischen Brombeersträuchern, dass man vor Dornen aufpassen muss und nicht alles in den Mund stecken darf. Man kriegt sonst Fuchsbandwürmer. Sie zeigte mir dort in den Wäldern unserer Generationen, was es bedeutet zu ernten, auch wenn man gar nichts gesät hat. Was es bedeutet, den ganzen Tag auf dem Boden herumzukriechen, sich zu bücken. Manchmal fanden wir nichts und sie sagte dann: “Tja, manchmal läuft man sehr lange und bekommt trotzdem nicht, das, was man will. Und man bekommt nie, was man verdient hat.” Sie liebte es. Sie lehrte uns alles, was sie wusste. Sie zeigte uns, wie der Entsafter funktioniert, wie viel Zucker einen guten Gelee machen und wie man Gelee mit Gewürzen verfeinern kann. Das hatte auch Urgroßoma schon so gemacht und wir staunten, denn Urgroßoma kam aus einer anderen Zeit und trotzdem überlebten manche Dinge die Generationen. Entsafter. Krankheiten. Brombeergelee.

Irgendwann kam unsere Mutter nur noch mit, um uns zu lehren, wo man die Beeren findet, weil selbst konnte sie sich nicht mehr bücken, obwohl sie es liebte. Sie konnte gar nichts mehr mit ihren Beinen machen, außer stehen und schwankend so etwas ähnliches tun wie gehen. Genau wie ihre Großmutter. Genau wie ihr Vater, ihre Schwester und ihr Bruder. Genau wie Generationen vor ihr und nach ihr.

Sie zeigte uns, uns drei Mädchen, ihren Töchtern, was es heißt für jemanden zu arbeiten, wie man Schmerzen für andere trägt und die eigenen Schmerzen mit Würde medikamentiert. Wie man sich für jemanden bückt, dass man Dinge für andere tun muss und sich nicht beklagt. Dass man nicht weint, wenn man Angst hat vorm eigenen Körper. Sie lehrte uns, dass man im Leben immer wieder Dinge aufgeben muss und vieles nie wieder zurückkommt. Sie versuchte uns zu lehren, dass man im Jetzt lebt und die Generationen nicht aufhalten kann.

Aber ich verstand die Lektion nicht. Vielleicht war ich zu klein, vielleicht war ich zu unaufmerksam, vielleicht zu dumm. Ich schrie sie an, dort im Wald, wo alles voller stacheliger Büsche war und die Herbstsonne alles kalt machte. Sie schlug mich. Sie schlug mich ins Gesicht. Dabei sah sie mir in die Augen. Den Blick kannte ich nicht und sollte ihn nie wieder sehen, aber ich wusste jetzt, dass man nicht verstehen muss, sondern es manchmal reicht, wenn man Dinge tut. Wie alt war ich da? Zehn? Elf? Meine Schwestern, in ihren sackartigen Kinderjeans und roten Jerseypullis sammelten weiter, als ich sie ansah. Wir waren jetzt eifrig, ich sammelte bis meine Hände blutig und kalt waren. Meine Kinderhände waren blutig und ich war demütig. Sie lehrte mich Demut. Auf dem Rückweg sagte sie, wir sollten laufen. “Lauft! Lauft, so schnell ihr könnt!” Wir hätten in dem Moment alles getan, was sie wollte und liefen schneller als wir konnten. Sie stand nur auf ihren goldenen Gehstock gestützt, auf dem Waldweg in der kalten Septembersonne und weinte. Sie war vierzig Jahre und weinte Tränen, die so glänzten wie ihr Gehstock.

Sie rief uns hinterher “Ihr müsst lernen, auch die normalen Dinge zu schätzen!” und humpelte weiter. Seitdem waren wir nie wieder im Wald, aber ich renne jetzt und weiß zu schätzen, was mir gegeben ist. Auch das lehrte sie mich.

2 Kommentare

Eine sehr schöne, aber auch eine sehr traurige Geschichte.

Nik schrieb am 21.09.2011 um 19:17Reply to this comment

Hey Nik, dankeschön! Ich mag deine Texte auch sehr. :)

Lea schrieb am 27.09.2011 um 20:42Reply to this comment

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